Ich habe neulich meine Bücherregale fotografiert. Gut hundert Bücher. Goggins, Willink, Merath, Ferriss, Altucher. Bücher über den Darm, über Ernährung, über Härte, übers Laufen. Und dann eine ganze Reihe über Muße, Langsamkeit und das Nichtstun.
Mir ist dabei etwas aufgefallen, das mich seitdem nicht loslässt.
Kein einziges Buch über Recruiting. Keins über Eignungsdiagnostik, keins über Interviewführung. Nichts über Verpackung.
Ich mache diesen Job seit 15 Jahren. Ich habe rund 6.000 Interviews geführt und über 750 Menschen in neue Positionen gebracht. Und ich habe mich offenbar nie freiwillig damit beschäftigt, wie man das eigentlich macht.
Die ehrliche Antwort ist unbequem: Ich bin da reingerutscht.
So wie damals ins Studium. Ich kam über den zweiten Bildungsweg, und mit meinem NC hat mich genau ein Fach und eine FH genommen: Drucktechnik. Nicht ich habe das Fach gewählt, das Fach hat mich genommen.
Den Wechsel zur Verpackungstechnik verdanke ich der Chefin des Studierendenbüros die mich damals „an die Hand genommen“ hat. Kleiner Studiengang, elitärer, und schon im zweiten Semester das Versprechen auf einen Job. Das klang vernünftig, also habe ich gewechselt. Vielleicht war sie mein erster Headhunter. Sie hat für mich getan, was ich heute für andere tue: gesehen, wo einer hinpassen könnte, bevor er es selbst wusste. Es hat sich ergeben. Und weil ich gut darin wurde, bin ich geblieben.
Das ist die eigentliche Falle. Nicht das Reinrutschen, sondern dass Können einen festhält. Wer gut ist, hat selten einen Grund zu fragen, ob er dort überhaupt hinwollte.
In meinen Gesprächen mit Kandidaten höre ich diesen Satz immer wieder, nur anders verpackt. „Hat sich so ergeben.“ „Bin da hängen geblieben.“ „Eigentlich wollte ich mal was ganz anderes.“ Gestandene Vertriebsleiter, Werkleiter, Geschäftsführer. Sie sagen es beiläufig, wie eine Fußnote. Dabei ist es oft der wichtigste Satz des ganzen Gesprächs.
Ich will das Reinrutschen nicht schlechtreden. Es hat mir viel gegeben. Einkommen, ein Netzwerk, eine Familie, die gut versorgt ist. Und Härte. Die Fähigkeit, Dinge durchzuziehen, auch wenn sie sich nicht nach mir anfühlen. Genau diese Härte hat mich nach dem Unfall 1996 durch über 30 Operationen gebracht. Ohne sie säße ich heute nicht hier.
Aber mit 50 stelle ich mir eine andere Frage. Nicht mehr:
Wo bin ich überall reingerutscht? Sondern: Was habe ich eigentlich jemals wirklich gewählt?
Ich fürchte, die Liste ist kürzer, als mir lieb ist.
Darum geht es in dieser Reihe. Um den Weg von Härte zu Ruhe, vom Beweisen zum Dienen. Ohne Guruton und ohne fertige Antworten. Ich schreibe, während ich es selbst herausfinde.
Und du? Wo bist du reingerutscht und geblieben, nur weil du gut warst?
PS: In der nächsten Folge geht es darum, warum mich Härte gerettet hat. Und ab wann sie angefangen hat, mich etwas zu kosten.
Reingerutscht ist eine Reihe. Alle zwei Wochen erscheint eine neue Folge über Härte und Ruhe, über Beweisen und Dienen. Hier findest du alle Folgen. Auf LinkedIn gibt es die Reihe auch als Newsletter „Reingerutscht“.
Und wenn du beim Lesen merkst, dass es um dich geht: Schreib mir. Ein paar Zeilen reichen, ich antworte persönlich.
