Hart genug?

Düsseldorf, Freiwilligenannahmestelle der Bundeswehr. Ich war 19, gelernter Schildermaler, ein Jahr Geselle, und einen Plan hatte ich nicht. Mir gegenüber saß ein Offizier. Er schob mir ein Formular rüber und sagte, halb im Scherz, halb im Ernst: „Okay, wenn Sie alle Waffen der Bundeswehr schießen wollen, unterschreiben Sie hier.“

Hab ich gemacht. Zwölf Jahre, Laufbahn Unteroffizier, Panzergrenadierbataillon 342 in Koblenz.

Warum genau, weiß ich heute nicht mehr. Ich weiß nur noch, wie es sich angefühlt hat. Stolz. Stark. Und erleichtert. Über mein Leben musste ich mir jetzt erst mal keine Gedanken mehr machen, das hatte die Bundeswehr übernommen. Stolz war ich trotzdem, weil ich meinem Land dienen durfte. Das meine ich bis heute so. Auch wenn es aus dem Mund eines 19jährigen ein bisschen groß klingt.

Zwölf Jahre. Für einen halben Scherz.

Alle gleich

Die ersten Wochen waren harmlos. Einkleidung, ankommen, der übliche Kram. Viel ist davon nicht hängen geblieben.

Hängen geblieben ist das: ein Haufen junger Kerle, völlig unterschiedlich, und alle sahen gleich aus. Gleiche Uniform, gleiche Stiefel. Drei Monate lang. Erst nach der Grundausbildung durften wir zum ersten Mal in Straßenklamotten raus.

Da stand plötzlich der Skin neben dem Punk, der Popper daneben. Alles dabei. Drei Monate jeden Tag zusammen, und erst jetzt sahen wir, wer der andere zu Hause eigentlich ist.

Das Bild hab ich bis heute im Kopf. Uniform macht gleich. Dafür ist sie da, und in einer Truppe, die im Ernstfall funktionieren muss, ist das richtig. Nur trägt man das, was man lange genug außen trägt, irgendwann auch innen. Und das geht nach Dienstschluss nicht mit in den Spind.

Zweimal lachen

Nach ein paar Monaten ging es zum Unteroffizierlehrgang. Erster Tag in der Ausbildungskompanie, neuer Ausbilder, erster Satz: „In dieser Ausbildung werde ich zweimal lachen.“

„Ha Ha“. Er hat Wort gehalten.

Erste Woche: simulierter Hubschrauberabsturz, danach Durchschlageübung. Mehrere Tage. Sie setzen dich irgendwo aus, und du schlägst dich mit einer kleinen Gruppe zurück nach Koblenz.

Eine Nacht ist mir geblieben. Ein langer Marsch bergauf, nachts, im Wald. Durchgefroren, nass bis auf die „Unnerbuchsen“ und so ausgehungert, dass der Kopf eigene Wege geht. Fast alle von uns hatten irgendwann Halluzinationen. Ich sah auf einem Bergkamm einen Reiter, mit Säbel und seltsamem Hut, reglos wie eine Statue.

Wir sind weitergelaufen. Natürlich. Aufhören durfte jeder. Wer aufgehört hat, war raus aus dem Lehrgang. So einfach war die Rechnung.

Und genau das hat sich gut angefühlt. Ich hab da etwas über mich gelernt, das ich vorher nicht wusste: Ich halte mehr aus, als ich dachte. Mit 19 ist das ein starkes Gefühl. Es ist auch ein gefährliches. Das wusste ich damals noch nicht.

Deine Uniform

Vielleicht warst du nie beim Bund. Eine Uniform trägst du trotzdem. Der Anzug. Der volle Kalender. Die Rolle als der, der immer liefert. Das „passt schon“, wenn gar nichts passt. Das Weitermachen, wenn der Kopf längst Reiter auf Bergkämmen sieht.

Daran ist erst mal nichts falsch. Härte und Disziplin bringen dich durch Nächte, die du ohne sie nicht überstehst. Nur ist nicht jede Nacht eine Durchschlageübung. Die meisten sind einfach Dienstag.

Wann hast du deine Uniform das letzte Mal ausgezogen? Und wüsstest du noch, wer dann drunter zum Vorschein kommt?

Mittwochabend

Dann kam der Marschbefehl. Bosnien.

Am Mittwoch sind wir noch mal feiern gegangen. Auf der Rückfahrt passierte der Unfall. Ich saß auf dem Rücksitz eines Opel Kadett GSI. Zwölf Schwerverletzte. Ein Toter.

Was danach kam, erzähle ich in der nächsten Folge.

PS: Welche Uniform trägst du? Schreib es mir in die Kommentare. Die echte, nicht die fürs Profilbild.


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