Angst Werkzeuge #515

Ängste kommen. Ängste gehen.
Aber sie verschwinden nie ganz.

Manche Ängste retten dir das Leben.
Andere töten deinen Mut.
Und manchmal ist es dieselbe Angst, nur mit einem anderen Gesicht.

Die Frage ist: Wer sitzt heute am Steuer?

Vielleicht fühlst du dich leer. Verloren. Ungehört.
Oder du fragst dich – wie ich es jahrelang getan habe – ob du nur ein gut inszenierter Bluff bist.
Ein Blender mit Visitenkarte.
Ein Hochstapler im Maßanzug.

Ich habe fast jeden Tag Angst.
– Angst, dass alles zusammenbricht.
– Dass mein Körper den nächsten Rückschlag nicht mehr schafft.
– Dass ich morgens nicht mehr aufwache.
– Dass ich meine Berufung nie ganz finde, nie ganz lebe.
– Dass meine Kunden, meine Mitarbeiter, meine Freunde, meine Familie irgendwann merken: Der Typ ist ein Blender. Ein Schaumschläger. Ein Hochstapler.

Und sie mich fallen lassen.
Dass ich am Ende allein dasitze.

Diese Angst hat mich mein ganzes Berufsleben begleitet.
Über 37 Jahre.
15 Jobs.
6 Unternehmen.
Zertifikate, Diplome, Retreats.
Erfolge, die nie reichten.
Fragen, die nie aufhörten.

Aber statt Klarheit?
Nur noch mehr Fragen.
Je mehr ich gesucht habe, desto weiter habe ich mich von mir entfernt.
Je mehr ich wusste, desto größer die Unsicherheit.

Ich war wie ein Wanderer im Nebel. Jeder Schritt nach vorn machte es dunkler.
Und jedes Mal, wenn ich kurz davor war, etwas zu wählen, tauchte eine neue Option auf.
Wie ein Hund, der zwischen Fressnapf und Wasser verhungert, weil er sich nicht entscheiden kann.

Was mir hilft?

Erstens: Ich mache die Angst sichtbar. Ich rede mit ihr. Manchmal schreibe ich ihr sogar.
Ich sage: “Danke, dass du da bist. Du willst mich beschützen. Aber ich gehe jetzt trotzdem.”
Ich zwinge mich nicht, sie loszuwerden. Ich nehme sie mit. Wie einen alten, kratzigen Mantel, der schon lange nicht mehr warm hält, aber an meine Wachsamkeit erinnert.

Zweitens: Ich mache täglich eine kleine Sache, die mir beweist, dass ich noch lebe.
Kalt duschen. Sport. Einen Menschen anrufen, den ich liebe. Einen Text wie diesen schreiben.
Und plötzlich wird es heller. Nicht weil die Angst weg ist. Sondern weil ich gehe, obwohl sie da ist.
Weil ich gehe, gerade weil sie da ist.

Was ich zusätzlich begriffen habe:

Ich dachte lange, ich müsse die Angst besiegen.
Heute weiß ich: Ich muss sie verstehen.

Die Angst ist sowas wie ein Schatten meines Egos.
Sie schützt etwas, das nie real war.
„Ich muss stark sein.“ „Ich darf keine Fehler machen.“ „Ich muss genügen.“

Aber je mehr ich versuchte, perfekt zu wirken, desto unfreier bin ich.

Bis ich irgendwann aufgehört habe, sie zu bekämpfen.
Um ihr zuzuhören.

Ich sage heute: Ich bin nicht mutig, weil ich keine Angst habe. Ich bin mutig, weil ich trotzdem gehe.
Ich muss nichts beweisen.
Ich darf einfach ich sein.
Mit all meinen Zweifeln, Brüchen, Narben.

Und weißt du was?
Das ist genug.

Freiheit beginnt dort, wo du aufhörst, dich selbst zu verleugnen.
Wo du aufhörst, dich ständig zu verteidigen.
Wo du sagst:
“Ich sehe dich, Angst. Und ich gehe trotzdem weiter.”

Und wenn du willst, dass es heller wird in deinem Leben?

Dann fang nicht mit großen Zielen an.
Fang mit einer kleinen Wahrheit an.

Sprich sie aus. Schreib sie auf. Teile sie.

Vielleicht sowas wie:
“Ich habe Angst. Und ich bin trotzdem hier.”

Das reicht. Für heute.

Wenn du dich in diesen Zeilen wiederfindest –
vielleicht ist das dein Zeichen.
Nicht, dass du auf dem falschen Weg bist.
Sondern, dass du gerade genau richtig gehst.


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