Ich habe mich nicht gefunden, ich habe mich verbraucht (#537)

Ich habe lange geglaubt, dass genug Disziplin und Willenskraft jedes Problem löst. Dass man nur hart genug sein muss. Mein Körper hat mir irgendwann das Gegenteil beigebracht. Sehr deutlich.

Neulich habe ich jemanden gefragt, was er aus diesem Jahr loswerden möchte.

Die Antwort kam ohne langes nachdenken: alles.

Wir haben darüber gelacht. Aber nur, weil wir irgendwie wussten, dass da was Wahres drinsteckt.

Wir schauen auf ein Jahr zurück: Was habe ich nicht geschafft. Wo bin ich hinter meinen Möglichkeiten geblieben. Welche neue Version von mir hätte längst Realität sein sollen. Im Januar sind viele dann nicht motiviert, sondern einfach nur Müde. Müde davon, sich selbst wieder als Projekt behandeln zu müssen. Und anderen dabei zuzusehen wie sie auf Social Media irgendwie alles nebenbei erreichen.

Ich kenne dieses Denken. Ich habe es perfektioniert.

Ich habe mir jahrelang Vorsätze gemacht für ein neues Ich. Früh aufstehen. Meditieren. Trainieren. Besser essen. Disziplinierter arbeiten. Ruhiger werden. Produktiver werden. Firma und Kids wachsen lassen. Nebenbei bitte noch ein Buch schreiben, fitter werden und ein moralisch saubereres Leben führen. Alkohol weglassen. Meine Frau und die Kinder lieben. Meine Eltern mindestens jede Woche anrufen. Freunde regelmäßig besuchen. Einen Muscle Up können. Alles gleichzeitig. Alles ab sofort.

Die Hoffnung dahinter war einfach: Wenn ich nur genug Druck und Disziplin aufbaue, wird Veränderung passieren.

Hat sie nie.

Nicht, weil ich faul war. Sondern weil Vorsätze genau so gebaut sind. Sie sind Schwarz und Weiss. Erfolg oder Scheitern. Kontrolle oder Versagen. Wir tun so, als sei Veränderung eine Entscheidung und kein Prozess.

Aber das Leben ist hart und ehrlich. Und es zeigt uns, dass die meisten Vorsätze nach wenigen Wochen einfach verschwinden. Und es gibt uns die Intelligenz, es uns selbst so auszumalen, das es nicht unsere Schuld ist.

Was bleibt, ist dann kein Neustart, sondern pure Selbstverachtung.

Mit 19 habe ich mir vorgenommen, einen Marathon zu laufen. Zurück zur Bundeswhr zu gehen. Zu Heiraten. Kinder zu bekommen. Während ich mit einer gebrochenen Wirbelsäule und 56KG Lebendgewicht im Krankenhaus lag.

In meinem Kopf ergab das Sinn. Ich hatte eine Doku gesehen von einem Kerl der das alles hinbekommen hat. 6 Monate Krankenhaus lagen hinter mir. Mein altes Leben war weg. Ich wollte nicht einfach nur überleben. Ich wollte besser aus dieser SCH&%$ raus gehen.

Also rechnete ich … entschlossen, aber falsch.

Bei ihm hatte es ca 2 Jahre gedauert. Die Doku ging aber nur 20 Minuten. Also rechnete ich mir irgendwas zwischen 2 und 6 Monaten aus.

Ich habe gedacht, Entscheidung sei gleich Fähigkeit. Ich blendete aus, dass ich kein Sportler mehr war und körperlich kaputt. Ich verwechselte Willen mit Realität.

Ich schaffte keinen Kilometer (gehend). Danach war ich tagelang kaum gehfähig.

Rational betrachtet war das vorhersehbar. Emotional war es brutal. Es fühlte sich nicht wie ein gescheiterter Vorsatz an, sondern wie ein Beweis, dass Veränderung für mich nicht mehr funktioniert. Für eine Zeitlang hatte der Plan mir Zukunft, Hoffnung und schöne Gedanken gegeben. Dann ist er zusammengebrochen. Und hat meine größte Angst bestätigt: „Du schaffst das nicht“. „Du bist es nicht wert“

Irgendwann habe ich aufgehört, Vorsätze zu machen. Nicht, weil ich nichts mehr verändern will. Das will ich immer noch (jeden Tag) … sondern weil ich aufgehört habe, jemand anderes werden zu wollen.

Was geblieben ist??

  • Der Wunsch nach Stabilität
  • Nach Energie
  • Nach Wachstum
  • Nach einem guten, gesunden und leistungsfähigen Leben
  • Und das ganze irgendwie in den heutigen Tag zu bringen

An die Stelle von tollen Vorsätzen habe ich also Rituale entwickelt.

Rituale sind keine Ziele. Sie fragen nicht: Was will ich erreichen? Sondern: Was ist mein Weg? Und was tue ich auf diesem Weg.

Vorsätze wollten immer Kontrolle von mir. Rituale schaffen mir eine Umgebung. Vorsätze setzen auf meine Willenskraft. Und Willenskraft ist endlich.

Meine Rituale funktionieren auch ohne (meistens)

Rituale sind aber leider unspektakulär. Und genau deshalb funktionieren sie. Sie verlangen keine sofort riesigen Veränderung. Sie verlangen Wiederholung. Heute. Und morgen. Und Übermorgen wieder.

Meine Rituale sind klein. Manchmal winzig klein. Ein festes Atemritual, wenn mein Kopf durchdreht. Fünf Minuten Kaffee ohne irgendwelchen Input. Bewegung nicht als Leistungsnachweis, sondern als Kraftquelle. Schreiben nicht, um toll und klug zu klingen, sondern um ehrlich mit mir selbst zu bleiben.

ZB schreibe ich seit Jahren. Keine Vorgaben. Keine „Qualitätspflicht“. Manchmal ist es eine Seite, manchmal ein Satz. Manchmal gar nichts.

Rituale halten mich in Bewegung, ohne mich zu überfordern. Sie schützen mich vor dem „Alles oder nichts“ Denken

Es gibt hier kein neues Ich.

Kein Vorher-Nachher.

Nur meine stille Arbeit

Und um meine Grenzen zu respektieren.

Und Entscheidungen zu treffen, die ich halten kann.

Alles andere ist Fantasie.


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