Stille (#539)

Ich sitze hier mit dem Handy neben mir und weiß eigentlich genau, dass es nicht um Erreichbarkeit geht.
Es geht um meine eigene Beruhigung. Solange etwas aufleuchtet oder vibriert, muss ich mir ja keine unangenehmen Fragen stellen.

Solange jemand was von mir will, bin ich ja „gezwungen“, etwas zu tun. Und mir nicht selbst zu begegnen. Das ist der eigentliche Grund hinter meiner ständigen Verfügbarkeit. Nicht Verbundenheit, sondern Betäubung.

Ich nutze die Bedürfnisse, Anfragen und Theman anderer oft wie eine Schutzwand gegen meine eigene innere Stille. Meine eigene Klarheit.

Nicht weil ich so hilfsbereit bin (bin ich schon manchmal), sondern weil sich die Stille irgendwie gefährlich anfühlt. Sie nimmt mir meine Ausreden. Sie nimmt mir die Rollen die ich spiele. Sie fragt nicht, ob ich bereit bin. Sie fragt nur, wer ich bin, wenn niemand zuschaut und nichts von mir will.

Doch wer sich weigert auch mal in der Stille und der Einsamkeit zu verschwinden, wird nie erfahren, wer er eigentlich ist.

Wir leben so oft unehrlich … so, wie „man“ eben lebt. Wir tun, was „man“ tut, und reden, was „man“ redet.

Aber ist Stille und Abstand wirklich eine Lösung?

In der Stille entsteht keine riesige Erkenntnis. Sondern eher Irritation. Leere. Ein kleiner innerer Widerstand, der dir flüstert: „Das hier stimmt nicht mehr. Das bist doch nicht du… oder vielleicht warst du es ja nie.“
Wer diesen Moment wegredet oder ungenutzt lässt, bleibt weiter beschäftigt, aber eben oft auch … verloren.

Doch nur in der Stille kannst du den Ruf deines Ichs hören. Den Ruf der uns zur eigenen Echtheit bringen möchte.

Wer ab „und an mal in der Stille verschwindet“, der unterbricht das Gerede von außen und nach einiger Zeit auch dem Gerede von innen. Er findet zu seinem „eigensten Sein und können“ zurück.

Verschwinden ist keine Flucht. Es ist MEIN Experiment. Was bleibt übrig, wenn ich nicht antworte, ich mich nicht erkläre, nicht performe? Was bleibt von mir, wenn niemand mich braucht? Die Antwort ist selten schön. Aber sie ist ehrlich. Und Ehrlichkeit ist der Anfang von allem.

Wir leben in einer „Diktatur der Sichtbarkeit“. Alles muss berichtet, gepostet und dokumentiert werden. Transparent, sofort verfügbar und „konsumierbar“ sein.

Das Geheimnisvolle und die Distanz verschwinden.

Wir beuten uns aus durch die ständige Kommunikation aus. Wir haben verlernt, zu „ruhen, nachzusinnen und zu verweilen“.\
Alles das, wozu der Winter früher mal da war. Dunkelheit. Kurze Tage. Ruhe. Kälte. Zusammensitzen…

Unsere Angst heute?: Wer nicht erreichbar ist oder nichts produziert nimmt nicht an der Welt teil – er wird im System der Hyperkommunikation quasi unsichtbar (also tot).

Stille ist Mut. Es ist die Überwindung der Angst vor der eigenen Leere.

„immer erreichbar sein“ ist oft nur meine Maske für die Angst vor Einsamkeit.


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