Das bist doch nicht du! (#530)

„Das bist doch nicht du.“

Das war der Satz, der mich jahrelang begleitet hat. Von außen war ich der Höfliche, der Charmante, der Verlässliche. Die Person, die nie aneckt und immer liefert. Ich habe das für meine Identität gehalten. In Wahrheit war es eine Rolle.

Was kaum jemand wusste: Diese Rolle hat mehr Energie gefressen als jede meiner OPs, jede Reha und jeder Kampf um mein Leben.

Nach meinen Rückschlägen war ich nicht nett oder höflich. Ich war wütend, entschlossen, fokussiert. Ich war stolz auf buchstäblich jeden halben Meter, den ich weiter gehen konnte. Ich hatte Mut, weil die Alternative gewesen wäre, mich von einem Sozialsystem tragen zu lassen, das mich am Leben gehalten, aber nicht lebendig gemacht hätte. Diese Eigenschaften haben mich gerettet, nicht die angepasste Version von mir.

Irgendwann wird es still. So still, dass es unangenehm wird. Diese Stille frisst dich auf. Sie zeigt dir gnadenlos, wie viel Kraft du dafür verbrennst, jemand zu bleiben, der du längst nicht mehr bist.

Diese Stille hat mir gezeigt, dass es in jedem Leben eine unsichtbare Linie gibt. Hinten das alte Selbst, vorn das Leben, das auf dich wartet. Dazwischen Angst. Nicht „Angst light“, sondern die Sorte, die dich nachts wach hält. Angst vor Scheitern. Angst vor Enttäuschung. Angst, endlich du selbst zu sein.

Du zerbrichst nicht, wenn du diese Linie erreichst. Was zerbricht, ist alles das, das du dir gebaut hast, um „durchzukommen“. Es war wichtig. Es hat dich geschützt. Aber irgendwann wird der Schutz zu einem Gefängnis.

CG Jung schreibt, dass Veränderung beginnt, wenn du es leid bist, halb zu sein. Genau so hat es sich angefühlt.

Natürlich wehrt sich dein altes Selbst. Es zeigt dir jede Horrorvision, die es finden kann. Verlust. Chaos. Panik. Einsamkeit. Alles, um zu verhindern, dass du weitergehst. Nicht aus Fürsorge, sondern aus Selbsterhalt.

Der Schmerz, den du dann fühlst ist der Wachstumsschmerz. Deine alte Identität ist zu klein geworden.

In solchen Phasen habe ich früher immer dasselbe getan. Ablenkung. Essen. Projekte. Alkohol. Konsum. Hauptsache nicht fühlen. Hauptsache nicht hinschauen.

Aber die Wahrheit ist hartnäckig. Sie hört nicht auf, bis du stehenbleibst oder stirbst.

Kein Coach, kein Partner, kein Guru nimmt dir diesen Schritt ab. Jeder kann dir eine Hand reichen. Gehen musst du selbst.

Wenn du aufhörst, dein altes Ich zu reparieren, passiert etwas Merkwürdiges. Die Angst bleibt. Aber sie verliert ihre Macht. Du beginnst, Entscheidungen zu treffen. Ein kleines Nein hier. Eine klare Grenze dort. Und plötzlich kommt die Energie zurück. Nicht weil das Leben leichter wird, sondern weil du aufhörst, gegen dich selbst zu arbeiten.

Wachstum beginnt nicht, wenn du mutig bist. Wachstum beginnt, wenn du die Schnauze voll hast vom Aushalten.

Das Alte stirbt nicht, um dich zu zerstören. Es stirbt, damit du anfangen kannst.

Der Sprung ist nicht riskant. Das Weiter so ist es

PS Das Bild zeigt eines der vier Implantate, die meine Wirbelsäule Jahre lang zusammengehalten haben. Heute erinnert es mich daran, wie oft wir irgendwelche Konstrukte aufrecht halten wollen, die längst ersetzt werden sollten.


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