Q wie Qual der Wahl

Zu was sagst du Nein?

Lange war mein Motto: „Sag Ja zu allem“ Chancen, Ideen, Projekte, Jobs… Möglichkeiten. Wer oft Ja sagt, kann nur gewinnen. Dachte ich.

Die Sonderangebote des Lebens eben

Was Gewinnen für mich eigentlich heißt? Keine Ahnung. Ausschlafen, bis mir die Sonne aus dem Ar… scheint? So viel Geld, dass ich mir alles kaufen kann (was ist dieses „alles“ überhaupt)? Vielleicht auch: von allen gemocht werden.

Ich wusste ziemlich genau, wozu ich Ja sagen konnte. Wofür ich das alles machte, war mir weniger klar.

Bis ich irgendwann verstanden habe:

Mit jedem Ja sage ich auch Nein. Nur oft, ohne es zu merken.

„Herr Müller, können Sie das Beratungsmandat übernehmen?“
„Ja, gerne.“
Danach war ich sechs Monate lang fünf Tage die Woche 500 km von meiner Familie weg.

„Thimo, ich gründe mit zwei Freunden was. Bist du dabei?“
„Geil, Na klar.“
Danach waren auch die Wochenenden weg.

Und dann noch das ganze „Kannst du mal kurz …?“, „Hast du gerade …?“ und „Wärst du so nett …?“.

Heute habe ich über 40.000 Kontakte. Fast jeden Tag schreibt mir jemand, ob wir nicht mal einfach reden können. Würde ich zu allen Ja sagen, wäre das mein Fulltime-Job. Und am Ende könnte ich den meisten trotzdem nicht helfen (das ist dann für beide Seiten verschenkte Zeit und einfach unfair).

Ich habe gelernt, dass jedes Ja auch ein Nein zu etwas anderem ist. Zu meiner Familie, zu meinem Training, zu den Menschen, die ich wirklich begleiten will.

Bereue ich meine vielen Ja?
Nein, die haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Würde ich alle wiederholen? Sicher nicht. Jedenfalls nicht, ohne vorher zu wissen, welche Neins an diesem Ja hängen.

Zwei Gedanken bzw Regeln helfen mir dabei.

Die 5/25 Regel von Warren Buffett: Schreib deine 25 wichtigsten Ziele auf, privat oder beruflich, und kreise die fünf wichtigsten ein (das ist schwerer, als du denkst). Alles, was nichts mit diesen fünf zu tun hat, lässt du liegen, bis du eines davon abgehakt hast.

Diese drei Bilder hat Dropbox-Mitgründer Drew Houston in einer Abschlussrede am MIT verwendet. Sie sind bei mir hängen geblieben.

Der Tennisball steht für etwas, dem man mit Begeisterung hinterherläuft. So wie ein Hund seinem Ball.

Bei welcher Aufgabe muss ich mich kaum zum Anfangen überreden? Was beschäftigt mich, weil ich es unbedingt verstehen oder lösen möchte?

Der Kreis erinnert mich daran, wie sehr mich die Menschen prägen, mit denen ich viel Zeit verbringe.

Mit wem umgebe ich mich? Wer fordert mich heraus? Bei wem kann ich offen sagen, wenn etwas gerade nicht läuft?

Und dann die 30.000.

So viele Tage ergeben ungefähr 82 Jahre.

Beim ersten Schreiben dieses Textes habe ich für mich überschlagen: Wenn alles gut läuft, bleiben mir noch etwa 15.000.

Die Zahl ist keine Zusage. Aber sie macht etwas greifbar, das ich im Alltag gerne vergesse: Meine Zeit ist begrenzt.

Ich möchte weiter Ja sagen. Auch zu Dingen, bei denen ich vorher nicht weiß, was daraus wird.

Aber ich möchte wissen, welches Nein ich damit in Kauf nehme.

Welches Ja würdest du heute nicht mehr geben?


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