Wer ist hier verkleidet? Und was Fisch damit zu tun hat

Die Ferien sind überall zu Ende und die letzten Nachzügler verlassen dieser Tage die Autobahnen, Flughäfen und Bahnhöfe.

„Jetzt beginnt wieder der Ernst des Lebens“

Irgendwie verfallen wir nach der Urlaubszeit in einen anderen Modus. Wir tauschen kurze Hosen gegen Chinos, Rock oder Anzug. Statt Sneakers und Flipflops jetzt Budapester und Higheels.

Entweder haben wir uns im Urlaub verkleidet oder wir tun das auf der Arbeit?

Kindergrippe, Kita, Kindergarten, dann Schule für 10-12 Jahre, Ausbildung oder Studium, dann 40 Jahre arbeiten, dann kannst du in Rente gehen und sterben. (– so oder so ähnlich lernen wir es)
Was aber tun Sie, wenn Sie früher sterben. Wo und bei wem wollen Sie sich beschweren?

Diese ungeschriebenen Gesetze. Die Dinge,  die wir glauben, tun und lassen zu müssen. Sachen, die sich eben so gehören und andere Sachen die man einfach nicht tut.

„Das sagt man nicht“. „Gib dem Onkel doch bitte die Hand“. „Wie sagt man?“. „Benimm dich“. „Stell dich hinten an“. „Geh Sonntags in die Kirche“, „Halt bitte den Mund wenn Erwachsene sich unterhalten“, „Warte bis du an der Reihe bist“. „Sei nicht so egoistisch“. „Lass die anderen auch mal damit spielen“. „Sei froh das es dir nicht schlechter geht“. „Sei dankbar für das was du erreicht hast“. …

Wer hat damit eigentlich angefangen? Irgendjemand muss irgendwann diese Regeln doch aufgestellt haben? Wir lernen von klein auf ein Rad im Getriebe zu sein. Manches Rad ist größer, manches kleiner. Das eine dreht sich schneller, das andere langsamer. Bei dem ein oder anderen fehlt ein Zahn (das wird bald ausgetauscht). Wichtig ist, das alle sich drehen und fein säuberlich ineinandergreifen. Wehe es tanzt jemand aus der Reihe. Wehe jemand denkt etwas anders als die anderen oder sieht anders aus.

„Ich könnte kotzen wenn ich an Montag wieder arbeiten denke“ – Facebook Post mit über 9.500 likes

Irgendetwas stimmt doch da nicht. Erwarten zu viele von uns Erfüllung und Spaß auf Ihrer Arbeit – den Sie scheinbar nicht bekommen? Haben wir eine verklärte Erwartungshaltung was unser Leben angeht? Weshalb sind so viele Menschen unzufrieden mit Ihrem Job, ihrer Situation und ihrem Leben?  Wer soll von außen etwas daran ändern?

„Bitte mach mich glücklich“

„Wenn ich schon für dich arbeite, dann bitte auch etwas erfüllendes und eine Aufgabe bei der ich mich entfalten kann“

Und die Menschen, die gerade nicht unzufrieden sind, sind gelangweilt. Oder eben beides, unzufrieden und gelangweilt. Oder unzufrieden weil gelangweilt??? Ich weiß es nicht.

Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder nur das tun würde was Ihm Spass macht?
– Mein Sportlehrer

Zuerst müssen wir einmal definieren, was Spaß eigentlich bedeutet? Sicher für jeden etwas anderes. Für mich bedeutet „Spaß haben“ – eine Situation oder Tätigkeit bei der ich vergnügen habe und/oder lachen kann und dabei mein Umfeld vergesse.

Das Leben ist hart und ohne Harten kein Leben
– Spruch an der Schultoilette

Von Heinrich Böll stammt die folgende Kurzgeschichte vom zufriedenen Fischer. Ich mag die Geschichte irgendwie nicht. Die ausführliche Parabel ist auch bekannt als „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“. Er schrieb sie für den Norddeutschen Rundfunk zum „Tag der Arbeit“ am 1. Mai 1963.

„In einem kleinen Mittelmeerhafen liegt ein ärmlich gekleideter Fischer in seinem Boot und döst. Da kommt ein gut gekleideter Tourist daher, macht ein paar Fotos, schenkt dem Mann eine Zigarrette und beginnt ein Gespräch. Wie viele Fische er denn heute so gefangen habe, fragt der Tourist den Fischer. Nicht allzu viele, antwortet der Fischer. Aber er sei mit seinem Fang zufrieden.

Da erzählt ihm der Tourist enthusiastisch, was der Fischer nicht alles erreichen könnte, wenn er noch mal aufs Meer hinausfahren, mehr Fische fangen und mehr verdienen würde. Er könnte Karriere machen, von dem Geld ein zweites Fischerboot kaufen, andere Fischer einstellen und noch mehr Geld verdienen. Am Ende würde er so reich werden, dass er sich bequem zur Ruhe setzen und im Hafen dösen könnte.

Da entgegnet der Fischer milde lächelnd: „Das kann ich jetzt auch schon“.“

Böll mahnt, dass der Mensch nicht lebt, um zu arbeiten, sondern arbeitet, um zu leben.

So schön und unbeschwert die Geschichte auch daher kommt. Ich würde mir an des Fischers Stelle viel zu viele Gedanken machen. Ich würde täglich schon an morgen und denken. Und den Tag darauf, und den Tag darauf und den Tag darauf …

– „Was wenn mein Schiff kaputt geht?“
– Was, wenn die Fische ausbleiben?
– Was, wenn ich krank werde?
– Was, wenn ich berufsunfähig werde?
– Was, wenn ich oder jemand aus meiner Familie eine Fischintolleranz entwickelt
– …

Zugegeben, das alles ist Spekulation. Man kann die Geschichte auch überstrapazieren. Manchmal soll einfach nur ein Kerngedanke überbracht werden. Hierbei geht es wohl um Dankbarkeit und das wir gute Freunde und genug zu Essen haben. Aber in der Geschichte gewinnt auch der genügsame Fischer gegen den ach so kapitalistischen und gierigen Geschäftsmann. Manche lesen und interpretieren die Geschichte für sich demnach auch so „Mit Arbeit verschwendet man nur seine Zeit. Ein paar Fische – und die Welt ist schön. Der Rest ist chillen im sicheren Hafen.“

Und mal ehrlich … immer nur Fisch???

Da lernt jemand 20 Jahre seines Lebens, wie er ein gutes und wichtiges Mitglied der Gesellschaft wird. Was er bitte zu tun und zu lassen hat. Was sich gehört und was nicht. Nur um plötzlich festzustellen, das die Gesellschaft nicht auf Ihn gewartet hat. Das er 20 Jahre gelernt, gelesen und sich gemeldet hat – nur um festzustellen das niemand einen Job für Ihn hat. Er aber Kurse belegt hat, wie …

  • Leitung und Überwachung der Aktiengesellschaft, praktische Einblicke und internationale Perspektiven der Corporate Governance
  • Moral im wirtschaftswissenschaftlichen und wirtschaftspädagogischen Kontext
  • Ethik im Finanzmanagement: Methodik – Produkte – Institutionen – Rahmenordnung

„Wir lernen Unternehmensführung von Professoren die selbst in einem 10 Jahre alten Suzuki Swift zur Uni fahren und nie ein Unternehmen geführt haben“ – Aussage eines Studenten im Bewerbungsgespräch

Thimo Müller – 06.09.17

wake up, sleep, repeat

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